Alentejos ruhiger Puls

Die Sonne empfängt mich mit einer warmen Umarmung. Ich bin in Faro gelandet, um von Süden nach Norden durch das mir noch unbekannte Landesinnere zu reisen, das Alentejo.

Der mit Tourismus gesegneten Küste an der Algarve kehre ich den Rücken zu und freue mich darauf, ab jetzt den Großstadtstecker zu ziehen, runterzuschalten und mich treiben zu lassen.
Die Fahrt auf der piniengesäumten Nationalstraße 268, entpuppt sich als ein fulminanter Einstieg mit Road-Trip Feeling. Mit im Gepäck ist der Schinken vom schwarzen Schwein, der im Alentejo produziert wird.  Diese Wegzehrung hebt meine Stimmung zusätzlich. Ich vergieße eine Träne für alle Vegetarier, denen dieses Erlebnis entgeht und beiße ins Schinkenbrot.

Als erstes ein Abstecher zur Westküste.
Kleine holprige Wege bringen mich zu grandiosen Panoramen. Gefolgt von einer Staubwolke komme ich an einsame kleine Buchten, die hier nicht nur ein Werbe-Versprechen sind. Sogar der Begriff wildromantisch, erscheint mir abgenutzt vis-a-vis der zerklüfteten und wirklich steilen Steilküsten aus dunklem Schiefer oder hellem Sandstein. Was für ein Luxus zwischen den vielen kleinen Buchten, die fast menschenleer sind, wählen zu dürfen. Burrinho, Samouqueira, Espingardeiro sind einige der Namen.

Mit baumelnden Beinen auf der Klippe sitzend, lasse ich mich von den ohne Unterlass anrollenden Atlantikwellen hypnotisieren. Noch ein Blick ins Weite, dann klettere ich hinab zum Strand und hinein ins Wasser. Keine Chance diese kräftigen Flutmonster zu bezwingen. Egal wie kräftig ich mich gegen die Wellen werfe, sie spülen mich immer wieder wirbelnd an den Strand.
Das macht hungrig. Das Schild vor einem rustikalen Restaurant auf dem „Percebes“ zu lesen ist und ein Preis, der darauf hindeutet, dass es sich hier um etwas Besonderes handeln muss, kommt mir gerade zurecht und ich bestelle kurzerhand diese Überraschung. „Selbst schuld“ denke ich, als mir mit einem freudigen Lächeln ein Teller vorgesetzt wird, auf dem sich skurrile schwarze Stummel stapeln, die aussehen, als seinen sie aus der Requisitenkiste einer Geisterbahn geplumpst. Die soll ich also essen und offensichtlich mit den Fingern. Für die Frage, ob ich sie überhaupt anfassen möchte, ist es jetzt zu spät. Also ziehe ich an dem weicheren Teil und löse ihn aus der schwarzen Hülle und von dem muschelartigen harten Ende, das wie eine Kralle aussieht. Es spritzt – scheinbar habe ich was falsch gemacht – aber das scheint außer mir hier niemanden zu beunruhigen. Sie schmecken! Beim zweiten Biss ist alles vergessen und der Genuss ungetrübt. Sie haben eine feste Struktur und sind am ehesten mit Garnelen zu vergleichen. Ich schmecke Frische, Salz und diesen besonders feinen Meeresfruchtgeschmack. Gestärkt und um eine Erfahrung reicher, geht es ins Landesinnere.

Mit jedem Meter Schotterpiste, den das Auto zuverlässig bezwingt, lasse ich ein Stückchen Zivilisation hinter mir zurück.
Ich schlängel mich durch endlos wirkende Felder. Die Korkeichen mit ihren auffällig geschälten Rinden stehen gleichmäßig verteilt in der sanft hügeligen Landschaft.

Wohin soll es gehen? Ich folge meinem Instinkt und fahre damit gut:
An einem Imbiss am Wegesrand treffe ich auf Joao, einen Korkeichen-Arbeiter, der auf meine neugierigen Blicke reagiert und mir mit Händen und Füßen und vor allem viel Geduld erklärt, worauf es beim Rindenschälen ankommt. Bei selbstgebranntem Schnaps lerne ich, dass die Bäume uralt werden und nur alle 9 Jahre geschält werden. Hart sei die Arbeit, aber sie erfordere aber auch viel Feingefühl, gezielte Axt-Schnitte und geschickte Bewegungen, um die Rinde im Ganzen vom Baum zu schälen ohne sie zu zerbrechen und vor allem ohne den Baum zu verletzen.
Immer mehr neugierige Arbeiter gesellen sich zu uns, Ihnen ist die harte Arbeit anzusehen, aber sie sind stolz auf das was sie tun und vielleicht auch froh einen Job zu haben.

Mit ein paar neuen Worten Portugiesisch mache ich mich auf dem Weg in Richtung Evora. Diese Stadt von der alle so schwärmen, das sei vorweggenommen, werde ich aber auf dieser Reise nicht erreichen.
Es gibt zu viele schöne Fleckchen auf der Route und die Versuchung den charmanten Zwischenstopps mehr Zeit einzuräumen ist einfach zu groß. Dieses Mal ist es ein Haus mit grünen Fliesen, das mich in Oubrique sauf die Bremse treten läßt, weil es zwischen den weiß getünchten Häusern mit der klassischen bunten farblichen Umrandung heraussticht. Ein charmantes Plätzchen mit den Bänken um einen kleinen Brunnen, die Kirche, das Rathaus, alles liegt dicht beieinander Der Rundgang wäre schnell gemacht, wenn ich nicht über Beine gestolpert wäre, die unter einem parkenden Auto hervorragten. Nach kurzem Schreck, die Erleichterung: die Beine beginnen sich zu bewegen und ein Mann in einem roten Overall kommt hervorgekrochen. Aus einem einander Zunicken wird ein Gespräch mit wenigen Worten und viel Phantasie. Miguel deutet auf den Turm und zeigt nach oben … „schön“ … sage ich … „nein, nein“ sagt er und winkt energisch, was soviel heißt wie „bitte folgen“. Er zeigt mir einen fast legalen Weg auf den hohen Turm mit einer Plattform, der in einer verwunschenen kleinen Parkanlage steht. Von hier oben kann ich das ganze Städtchen überblicken.

Ich entdecke vor dem Rathaus 2 Bäume, die genau den richtigen Abstand für die Hängematte haben könnten. Der Wunsch nach einem  Nickerchen wird so im handumdrehen erfüllt. Viele Eindrücke sind in den ersten Tagen auf mich eingeprasselt: Zeit die Augen zu schließen, bevor die Reise weitergeht. –
Noch eine Wassermelone und los geht’s – das Leben kann so einfach und schön sein.

Das Städtchen Beja kreuzt meinen Weg und gefällt mir auf Anhieb, vor allem wegen seiner vorwitzigen Proportionen.
Das Zusammenspiel des großen Platzes mit Kloster (inzwischen ein zu empfehlendes Hotel) und den kleinen Labyrinth-artigen Gassen sind erfrischend und wirken natürlich gewachsen.
Erwähnt man Beja winken die Portugiesen ab, hier sei ja nichts – Evora sei der Ort zu dem ich fahren solle …. .
Aber mir gefällt es hier, sehr gut sogar und ich setzte mich in das kleine Café, in dem an einem der beiden Tische schon eine Bilderbuch-Oma sitzt und schaue auf das wuchtige Klostergebäude. Das ruhige portugiesische Leben – auch hier ist es zuhause.

Am nächsten Tag, der auch ein zu warmer ist, beschließe ich zu dem großen blauen Fleck auf der Landkarte zu fahren, der eine Abkühlung zu versprechen scheint.
Der Fleck entpuppt sich als “Alqueva See“, dem größten Stausee Europas.
Ich parke am Steg, die Schafherde um mich herum flüchtet hektisch und ich hüpfe ins Wasser.

Um nach Monzarez zu gelangen, muss ich den Berg erklimmen, und betrete das Dorf stilgerecht durch zwei mittelalterliche Tore. Eingeschossige, weiß gekalkte Häuser reihen sich in den engen, kopfsteingepflasterten Gassen aneinander. Hier treffe ich zum ersten Mal auf einige Touristen und Souvenir-Läden. Am anderen Ende des Dorfes liegt eine Burg, in deren Mitte sich ein Stierkampfplatz befindet. Der Rundumblick ist ein aussichtsreiches Erlebnis und bei untergehender Sonne doppelt schön.

Es ist schon fast dunkel, als ich das Hotel Sao Lourenco Do Barrocal erreiche. Ein guter Wein auf der Terrasse unter dem Sternenhimmel könnte der Abschluss des schönen Tages sein, aber ich nutze die Chance heute noch die Nachtführung am Observatorium mitmachen zu können. Ein motivierter und kenntnisreicher Guide erklärt uns stundenlang mit Engelsgeduld unter freiem Himmel mit Hilfe eines beeindruckenden Fernrohrs das Firmament.
Um 2 Uhr nachts falle ich übermüde aber genauso glücklich ins Bett.

Obwohl ich herrliche Wege hinter mir gelassen habe, ist für mich die schönste Straße im Alentejo die Milchstraße geblieben. Um sie zu bereisen, reicht es den Kopf in den Nacken zu legen.
Das schönste Souvenir ist das Sternenhimmel-Bild in meinem Kopf. Wenn mir zuhause die Stadt nachts zu laut ist, projiziere ich das Bild vor mein inneres Auge und schon habe ich das Gefühl, dass jemand die Geräuschkulisse dimmt.